gor

Zwischen Nachfrage und Netzwerkfluss in Versorgungssystemen: Optimieren, beobachten, rekonstruieren

von Dr. Thomas Schillinger (Gewinner des GOR Young Researchers Awards 2026)

Ob Gas, Wärme oder Wasser: In vielen Versorgungsnetzen muss ein Betreiber Energie oder Güter über ein Transportnetz zu verschiedenen Verbrauchern verteilen. Was der Betreiber allerdings nicht weiß, ist, wie groß der tatsächliche Bedarf an den einzelnen Endpunkten ist. Als Anhaltspunkt kann er aber an ausgewählten Stellen die Flüsse im Netzwerk messen. Was lässt sich aus diesen beobachteten Flüssen über die unbekannte Nachfrage lernen?

Unsere Arbeit untersucht diese Fragestellung aus einer inversen Perspektive. Während bei einer klassischen Optimierung der Bedarf bekannt ist und eine optimale Einspeisung gesucht wird, gehen wir noch einen Schritt weiter: Nach Bestimmung eines optimalen Netzwerkeinflusses soll aus den beobachteten Netzwerkflüssen auf den Bedarf geschlossen werden, der diese Flüsse verursacht hat.

Dazu wird die Nachfrage als Mischung verschiedener typischer Profile beschrieben, beispielsweise mit konstantem Verbrauch, Morgen- und Nachmittagsspitzen oder einem charakteristischen Wochenendverlauf. Die Gewichte dieser Profile werden aus historischen Netzwerkdaten rekonstruiert. Dabei wird berücksichtigt, dass die beobachteten Flüsse selbst das Ergebnis einer optimalen Steuerungsentscheidung sind.

Die numerischen Untersuchungen zeigen, dass die Nachfrage unter günstigen Bedingungen sehr genau rekonstruiert werden kann. Gleichzeitig zeigen sie die Grenzen des Ansatzes: Wird die mögliche Einspeisung zu stark beschränkt, können unterschiedliche Nachfragen zu nahezu identischen Flüssen führen. Auch zeitlich eingeschränkte Beobachtungen können entscheidende Informationen über bestimmte Nachfrageprofile verlieren. Ein besseres Verständnis der Nachfrage kann langfristig dazu beitragen, Versorgungsnetze effizienter zu planen und zu steuern. Je genauer Angebot und Nachfrage aufeinander abgestimmt werden können, desto gezielter lassen sich begrenzte Ressourcen einsetzen.

Autor
Dr. Thomas Schillinger, Ph. D.
Chair of Scientific Computing
University of Mannheim
School of Business Informatics and Mathematics

schillinger@uni-mannheim.de

Die aktuelle „OR News“ 87 (Juli 2026)

Das Magazin „OR News“ informiert unsere Mitglieder mit unterschiedlichen Fachbeiträgen, Hinweisen auf aktuelle OR-Publikationen, Berichten von Arbeitsgruppensitzungen und weiteren interessanten Beiträgen regelmäßig über neue Entwicklungen im Operations Research und über die Aktivitäten der GOR.

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Integrierte Nachfragesteuerung und Tourenplanung und deren Anwendung im ländlichen ÖPNV

von Dr. David Fleckenstein (Gewinner des GOR-Preises für Dissertationen 2026)

Ob Lebensmittellieferung, Same-Day-Delivery oder On-Demand-Verkehr: Immer häufiger werden logistische Dienstleistungen individuell konfiguriert und kurzfristig gebucht. Eine Anwendung mit besonders großer gesellschaftlicher Bedeutung ist der gebündelte On-Demand-Verkehr im ländlichen Raum (engl. abgek. SMOD). Als Teil des öffentlichen Verkehrs kann dieser eine flächendeckende Mobilitätsgrundversorgung im Sinne der Daseinsvorsorge auch bei geringer Nachfragedichte gewährleisten. Dienstleistungsanbieter müssen entscheiden, welche Liefer- oder Fahrtoptionen sie anfragenden Kunden zu welchen Preisen anbieten und können die Nachfrage dadurch gezielt steuern. Gleichzeitig müssen bestätigte Buchungen in den Tourenplan eingeplant werden. Daraus ergibt sich eine eigene Familie von Optimierungsproblemen: die integrierten Nachfragesteuerungs- und Tourenplanungsprobleme (engl. abgek. i-DMVRPs).

Die kumulative Dissertation untersucht i-DMVRPs aus zwei Perspektiven. Im ersten Teil werden sie aus theoretischer Sicht analysiert. Die Arbeit liefert eine formale Definition von Opportunitätskosten im Kontext von i-DMVRPs und beweist mathematische Eigenschaften. Zudem werden mithilfe von Methoden des Explainable Reinforcement Learning systematische Fehler bei der Approximation von Opportunitätskosten analysiert.

Der zweite Teil nimmt eine praktische Perspektive ein. Auf Basis von Realweltdaten des SMOD-Anbieters FLEXIBUS werden die Voraussetzungen für erfolgreiche Nachfragesteuerung untersucht. Die Analysen zeigen, dass Fahrgäste substanzielle zeitliche Flexibilität aufweisen, die der Anbieter mit aktiver Nachfragesteuerung ausnutzen kann. Zugleich werden Zielkonflikte zwischen ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit offenbar. Aufbauend darauf entwickelt die Dissertation einen Ansatz für nachhaltige dynamische Bepreisung, der alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit explizit berücksichtigt und dabei monopolistische Preissetzung ausschließt. Die Preise werden so optimiert, dass sie die bediente Nachfrage maximieren und zugleich die marginalen Kosten inkl. externer Kosten für Emissionen decken. Rechenstudien auf Basis von Realweltdaten zeigen, dass dieser Ansatz sowohl die Nachfragebündelung von SMOD-Systemen verbessert als auch den Subventionsbedarf senkt. Die Arbeit trägt somit zu Mobilitätswende und Daseinsvorsorge im ländlichen Raum bei.

Autor

Dr. David Fleckenstein
Lehrstuhl für Analytics & Optimization
Universität Augsburg

david.fleckenstein@wiwi.uni-augsburg.de

Die aktuelle „OR News“ 86 (April 2026)

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